Ich stehe im Baumarkt und starre auf eine Wand mit 52 Farbtönen, alle mit poetischen Namen wie „Morgennebel" oder „Herbstgold". Meine erste eigene Wohnung hatte nur 42 Quadratmeter, aber ich war fest entschlossen, jeden Raum mit Wände streichen persönlich zu gestalten. Die Verkäuferin riet mir zu einer Mustertube für 5 Euro, und das war der beste Tipp, den ich je bekam. Denn Farbe auf einem kleinen Kärtchen sieht immer anders aus als an einer ganzen Wand, besonders bei wechselndem Tageslicht. Also kaufte ich drei Musterfarben, strich sie nebeneinander auf die Wand und wartete zwei Tage. Der helle Grauton, der morgens wie Beton wirkte, wurde abends plötzlich warm und einladend. Ein Fehler, den ich nie wieder machen werde: nie auf die erste Idee vertrauen, ohne sie im Raum zu sehen.
Die Vorbereitung ist der Teil, den viele überspringen wollen, aber genau hier entscheidet sich, ob das Ergebnis nach drei Monaten noch gut aussieht. Ich habe es einmal eilig gehabt und nur die Steckdosen abgeklebt – das Ergebnis war eine Farbschlacht an den Fensterrahmen und Lichtschaltern. Heute nehme ich mir einen ganzen Tag nur fürs Abkleben und Abdecken. Mit Kreppband für 3 Euro die Rolle und Malerfolie für 10 Euro schütze ich alle Kanten, Fussböden und Möbel. Besonders ärgerlich ist, wenn Farbe auf den Teppich tropft – das habe ich mit einer alten Decke und Zeitungspapier unter dem Farbbehälter im Griff. Ein Tipp von einer befreundeten Malerin: immer das Kreppband sofort nach dem Streichen abziehen, sonst reißt die getrocknete Farbe mit.
Die Wahl der richtigen Farbe kann den Unterschied zwischen einer glatten Oberfläche und einer krümeligen Sauerei ausmachen. Ich schwöre auf hochwertige Acryl-Wandfarbe mit einem Preis ab 30 Euro pro 10 Liter, denn Billigfarbe deckt oft nicht und braucht drei Anstriche statt zwei. Für mein Wohnzimmer mit viel Fensterlicht habe ich eine Farbe mit 5 Prozent Glanzgrad gewählt, die reflektiert das Licht sanft und kaschiert kleine Unebenheiten. Im Flur, wo viel gewischt wird, nehme ich eine waschbeständige Qualität. Einmal habe ich versucht, mit normaler Farbe über eine alte Tapete zu streichen – das Ergebnis war eine Blasenbildung, weil die Feuchtigkeit nicht entweichen konnte. Seitdem prüfe ich immer die Untergrundbeschaffenheit und grundiere alte Tapeten vor. Der Geruch beim Streichen ist übrigens nach einem Tag verflogen, wenn der Raum gut gelüftet wird.
Jetzt kommt der eigentliche Akt: das Streichen selbst. Ich beginne immer mit den Ecken und Kanten, benutze einen schmalen Pinsel für die Ränder und eine hochwertige Farbrolle mit 18 Millimeter Flor für die Flächen. Die Rolle tauche ich nur halb in die Farbe und rolle sie auf dem Rosten des Farbeimers ab, sonst tropft es auf den Boden. Die Technik, die mir eine Profi-Bloggerin gezeigt hat: in einer „W"-Bewegung die Farbe auftragen und dann ohne Druck ausrollen. So verteilt sich die Farbe gleichmäßig und es gibt keine Streifen. Bei meinem ersten Versuch habe ich zu viel Farbe aufgenommen und musste ständig tropfende Stellen retuschieren. Heute streiche ich in einem Zug von oben nach unten, immer nass in nass, damit keine Überlappungslinien entstehen. Die beste Zeit zum Streichen ist morgens zwischen 9 und 14 Uhr bei hellem Tageslicht, denn Kunstlicht verfälscht die Farbwahrnehmung.
Ein Problem, das viele unterschätzen: die richtige Temperatur im Raum. Ich hatte einmal im Winter bei 15 Grad gestrichen, weil ich dachte, das spart Heizkosten. Die Farbe trocknete langsamer und bildete einen milchigen Schleier, den ich erst nach drei Tagen bemerkte. Der Malermeister meines Vertrauens erklärte mir, dass die optimale Raumtemperatur zwischen 18 und 22 Grad liegt, und die Farbe nicht unter 10 Grad gelagert werden darf. Seitdem heize ich den Raum vor dem Streichen auf 20 Grad und lüfte nach dem Trocknen kurz, aber nicht während des Streichens, weil Zugluft die Farbe ungleichmäßig trocknen lässt. Auch die Luftfeuchtigkeit spielt eine Rolle: bei Regenwetter trocknet Farbe langsamer, also plane ich meine Streichprojekte lieber für trockene Tage. Ein kleiner Tipp: wenn die Farbe nach dem Trocknen stumpf bleibt, kann es an zu hoher Luftfeuchtigkeit liegen – dann hilft ein Luftentfeuchter für 24 Stunden.
Nach dem Streichen kommt die Geduldsprobe: das Trocknen. Ich warte mindestens sechs Stunden, bevor ich die zweite Schicht auftrage, bei kühlerem Wetter sogar über Nacht. Einmal habe ich zu früh die zweite Schicht aufgetragen und die erste Schicht löste sich in kleinen Blasen auf. Die Farbe muss zwischen den Anstrichen vollständig durchtrocknen, sonst wird die Oberfläche brüchig. Wenn ich nach dem Trocknen kleine Unebenheiten sehe, schleife ich sie vorsichtig mit feinem Schleifpapier an und streiche noch einmal. Das passiert besonders an Stellen, wo die Farbe zu dick aufgetragen wurde. Die sauberen Kanten sind der Lohn für die Mühe: wenn ich das Kreppband abziehe, entstehen messerscharfe Linien zwischen Wand und Decke. Für den letzten Schliff nehme ich einen schmalen Pinsel und korrigiere kleine Farbnasen an den Rändern. Das Gefühl, wenn die Farbe perfekt deckt und der Raum in neuem Licht strahlt, ist jeden Handgriff wert.
Welche Farbe für welchen Raum? In meiner Küche habe ich eine satte, kräftige Farbe gewählt, die gegen Fettspritzer resistent ist – eine spezielle Küchenfarbe für 40 Euro pro Topf. Im Bad verwende ich eine Latexfarbe, die Schimmel resistent ist und sich feucht abwischen lässt. Für das Kinderzimmer habe ich eine matte Farbe mit niedrigem Lösemittelgehalt genommen, die geruchsarm ist und schnell trocknet. Die größte Überraschung war das Schlafzimmer: ich strich es in einem tiefen Blau, das abends beruhigend wirkt und morgens das Licht sanft filtert. Ein Freund fragte mich, ob ich nicht Angst vor dunklen Räumen hätte, aber mit einer weißen Decke und hellen Möbeln wirkt es großzügiger als jedes Weiß. Der Trick ist, eine Farbe zu wählen, die zu den Möbeln passt – ich habe einen alten Holztisch mit einem Grauton kombiniert, der die Maserung hervorhebt. Und wenn ich mal unsicher bin, hilft ein Farbberater im Baumarkt für 20 Euro pro Stunde.
Die häufigsten Fehler und wie ich sie vermeide: Nie ohne Grundierung auf rohen Putz streichen, sonst saugt der Putz die Farbe auf und die Deckkraft leidet. Ich benutze eine Tiefengrundierung für 15 Euro pro Liter, die den Untergrund versiegelt. Ein anderer Fehler ist, die Farbe zu stark zu verdünnen – mehr als 10 Prozent Wasser sollte man nicht zugeben, sonst verliert die Farbe ihre Deckkraft. Ich mische lieber etwas mehr Farbe an, als nachher zu wenig zu haben, denn nachträgliches Anmischen einer zweiten Charge kann zu Farbunterschieden führen. Wenn ich eine Pause mache, wickle ich die Rolle in Frischhaltefolie ein, damit sie nicht austrocknet. Und das Wichtigste: Werkzeug sofort nach dem Streichen mit Wasser reinigen, sonst sind die Rollen und Pinsel nach einem Tag unbrauchbar. Ein guter Pinsel hält bei richtiger Pflege Jahre, ich habe meinen schon seit fünf Projekten.
Am Ende zählt das Gesamtbild: ein frisch gestrichener Raum verändert die ganze Wohnung. Ich habe bei meinem letzten Umzug alle Wände in neutralen Tönen gestrichen, die sich leicht überstreichen lassen, falls der nächste Mieter andere Vorlieben hat. Aber in meinem eigenen Haus wage ich mich an kräftige Akzente – eine Wand in tiefem Rot, die an einen Kamin erinnert. Die Kosten für Wände streichen sind überschaubar: für einen 20-Quadratmeter-Raum brauche ich etwa 10 Liter Farbe für 40 Euro, plus 15 Euro für Werkzeug und Zubehör. Das ist günstiger als jeder Maler, der 200 Euro pro Raum verlangt. Und das beste Gefühl ist, abends im Wohnzimmer zu sitzen, die selbst gestrichenen Wände zu betrachten und zu wissen: das habe ich geschafft. Keine teuren Möbel, kein Luxus – nur Farbe, Geduld und ein bisschen Geschick. Ein Freund fragte mich neulich, wie ich das mache, und ich zeigte ihm meine Technik. Jetzt streicht er selbst und sagt, es sei einfacher als gedacht. Vielleicht probierst du es auch mal aus – mit den richtigen Tipps wird jeder Raum zum Lieblingsraum.
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